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| Kunstfeld 5 Hinweise zur Ausdifferenzierung des Kulturellen Feldes Will man den kulturellen Wandel abschätzen und auch verstehen, wo er politisch gestaltbar ist, darf man sich nicht schon bei der Einschätzung des Status Quo verkalkulieren. Dazu gehört z.B., die fortschreitende Ausdifferenzierung des kulturellen Feldes ausreichend in Rechnung zu stellen. Ich werde das im Folgenden für den Bereich der bildenden Kunst versuchen, indem ich vier verschiedene Kunstfelder voneinander unterscheide, die sich nicht mehr unter den Hut eines einzigen Kunstbegriffs bringen lassen. Dabei wird ein strukturelles Muster der gegenwärtigen Kulturlandschaft erkennbar, an das ich eine Hypothese anschließen möchte. Die strukturellen Argumente dürften dabei auf andere Kulturbereiche übertragbar sein. In meinem Strukturmodell steht Kunstfeld 1 für die klassischen Formen künstlerischer Produktion und zugleich für deren Privatisierung. Denn Kunstwerkproduktion und -präsentation werden heute weitgehend vom internationalen Marktgeschehen bestimmt, das heißt von privatem oder auch korporativem Sammlerkapital. Kunst wird hier immer offensiver als gelungene Mischung von Wertanlage, Freizeitkultur und Investition in symbolisches Kapital betrachtet. Knappe Kassen bringen die öffentlichen Institutionen dabei in immer größere Abhängigkeit von privaten Kapitalinteressen und treten in deren Dienst. Intellektuelle oder kunstimmanente Kriterien spielen für die innere Entwicklung dieses Feldes eine schwindende Rolle. Öffentliche Diskussion produziert es kaum noch. Kunstfeld 2 steht für die Mediatisierung und Popularisierung des Kunstereignisses. Im 90er-Jahre-Boom des internationalen Ausstellungs- und Biennalen-Betriebes ist die künstlerische Produktion endgültig zum Massenmedium geworden. Thesen Adornos und Guy Debords haben sich durchaus bestätigt. Kunst als unterhaltungsindustrielles Großereignis folgt den Bedürfnissen der Spektakelkultur. Gleichzeitig wird das Kunst- Event als Standort- und Image-Faktor zum Beispiel im internationalen Städtewettbewerb geschätzt. Es ist politisch wie wirtschaftlich lukrativ geworden. Stichwort: Kunsttourismus. Dieses Feld folgt den Spielregeln der Aufmerksamkeitsökonomie, sein Leitkriterium sind Besucherzahlen. Statt öffentlicher Diskurse produziert es Feuilleton-News. Mit Kunstfeld 3 bezeichne ich den Bereich korporativer Kulturpraxis. Stichwort: Unternehmenskultur oder »Kulturalisierung der Ökonomie«. Aus vielerlei Gründen arbeitet neueres Management gezielt mit Kulturtechniken. Und Wirtschaftsunternehmen treten selbst als Kulturproduzenten auf: 1. um an positiven sozialen Wertkategorien zu partizipieren, 2. um an die Früchte der Kreativität und des Engagements ihrer Mitarbeiter zu gelangen, 3. um ihre Waren in Kult- und Kulturgegenständen zu transformieren, 4. um eine enge und langfristige Kundenbindung zu realisieren. Und 5. schließlich hoffen sie so den Rang gesellschaftlicher Institutionen einzunehmen und an der Stelle aufgegebener öffentlicher Güter neue Wertschöpfungsketten einzurichten. Die Autostadt Wolfsburg als Kulturpark ist diesbezüglich nur ein bescheidener Anfang. Kunstfeld 4 dagegen bezeichnet die emanzipatorische, gesellschaftlich orientierte Kunstpraxis. Sie steht den Feldern eins bis drei weitgehend in reflexiver und kritischer Distanz gegenüber. In Kunstfeld 4 lebt ein engagierter Kunstbegriff in der politisch-avantgardistischen Tradition linker Prägung fort. Er insistiert auf den progressiven, Gesellschaft gestaltenden Aspekt von Kulturproduktion. In methodischer und in theoretischer Hinsicht ist dieses Feld am innovativsten. Auf Grund ihres intellektuellen und politischen Selbstverständnisses hindern sich die Akteure dieses Feldes jedoch selbst daran, den eigenen, progressiven Kulturbegriff auch attraktiv zu machen und sich für seine gesellschaftliche Verbreitung in die Bresche zu werfen. Denn dazu gehörte 1. die zumindest temporäre Akkumulation von Macht, 2. die Arbeit an geeigneten institutionellen Feldern, 3. die Organisation des nötigen Kapitals, und 4. eine breitenwirksamere Medienarbeit. Genau die 4 Elemente also, denen Kunstfeld 4 kritischen Widerstand leisten möchte. Es setzt statt dessen auf Selbstorganisation und Mikropolitik, wirkt in kleinen urbanen oder akademischen Milieus oder in eng abgezirkelten internationalen Netzwerken. Die in Kunstfeld 1 bis 3 gebundenen Finanzmittel stehen Kunstfeld 4 natürlich nicht zur Verfügung. Das bedeutet einen Wettbewerbsnachteil. Institutionell und ökonomisch ist ein wichtiger Teil dieses Feldes an den Bildungs- und Wissenschaftsbetrieb angeschlossen, also in Forschung und Lehre aktiv. Kunstfeld 1 bis 4 sind vielfach ineinander verschränkt. Ich bezweifeln, dass man sie im Feldversuch immer auseinandersezieren kann. Aber sie beschreiben eine Tendenz. Wenn man von einem solchen Vier-Felder-Modell ausgeht, stellt sich die Frage, wie sich politische Gestaltungsinstrumente zu jedem einzelnen dieser Felder stellen. Das liefe u.a. auf eine kulturpolitische Strukturfrage hinaus. Darüber kann man diskutieren. Ich möchte aber zeigen, dass die entscheidendere kulturpolitische Frage woanders liegt. Meine These ist, dass die avanciertesten Formen künstlerischer Produktivität, denen wir emanzipatorische Qualitäten und zugleich auch gesellschaftlichen Gestaltungswillen zutrauen, in den genannten vier Feldern immer weniger Gelegenheit zur Entfaltung finden, und allmählich aus diesen herausbrechen. Die Kunst – so meine Formel – franst an ihren Rändern aus. Es bildet sich ein 5. Feld kultureller Produktion. Die künstlerischen Interessen und Arbeitsmethoden in der sog. wissensbasierten, postindustriellen Dienstleistungsgesellschaft bringen neue strukturelle Anforderungen mit sich. Diese finden sich heute noch kaum in Institutionen verkörpert und verfügen noch über keinen Markt. Denn noch sieht sich künstlerische Praxis mit den produktivistischen Rahmenbedingungen der Moderne konfrontiert – deren institutionelle Struktur zur Zeit auf privatwirtschaftliche Interessenslagen umgestellt wird. S.o. Die Ausdifferenzierung des kulturellen Feldes wird sich fortsetzen. Der Teil dessen, was wir im engeren Sinne ästhetische Produktion nennen, wird dabei ständig geringer. Denn je weiter die sog. Ästhetisierung der Lebenswelt voranschreitet, um so sichtbarer wird, dass das Kulturelle mehr als nur ästhetische Praxis ist. Im politischen Feld wird Kultur oft missverstanden als eine Darstellungsebene, auf der gesellschaftliche Verhältnisse zum Bild werden. Der alte Repräsentationsgedanke. Tatsächlich aber ist kulturelle Produktion Teilhabe an der Produktion dieser Verhältnisse. Alle zeitgenössischen Kulturtheorien sind sich darin einig. Die Tendenz von Kunstfeld 5 ist, diese Teilhabe zu reklamieren und sich zu einem Instrument und Mitspieler dieser Produktion zu machen. Die Absicht dabei ist, die gesellschaftliche Wirklichkeitskonstruktion an einen Raum öffentlicher Verhandelbarkeit rückzubinden (= Kultur) und nicht der politischen und der ökonomischen Klasse allein zu überlassen, die von einem öffentlichen Resonanzraum immer unabhängiger werden. Siehe USA. In postfordistischer und mediatisierter Zeit geschieht solche Rückbindung weniger durch einsame Werkproduktion, sondern vielmehr in immateriellen und kollaborativen Arbeitsformen, die auf gesellschaftliches Wissen und seine Verarbeitung ausgerichtet sind, sowie auf die Weiterentwicklung der gesellschaftlichen Vorstellungskraft. Alle rufen nach »Wissensproduktion«. So als wüssten wir zu wenig. Entscheidender aber ist, vorhandenes wie auch neues Wissen in Gebrauch zu nehmen und zu erproben, was sich damit eigentlich anstellen lässt. Tatsächlich war Kunst immer ein Testlabor für den Gebrauch von neuem Wissen und verknüpfte es mit ideellen und ethischen Erfahrungshorizonten. Solche Tests sind heute vor allem dann sinnvoll, wenn sie disziplinen-übergreifend, feld-übergreifend und das heißt: also auch institutionen-übergreifend stattfinden. Für diesen kulturellen Fortschritt stellen aber gerade die kulturellen Institutionen und Märkte derzeit auf Grund ihrer überkommen Verfassung das größte Hindernis dar. Real existierende Grenzverschiebungen und damit einher gehende mögliche Synergien zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Akteursgruppen und ihren kreativen, intellektuellen und ökonomischen Ressourcen, werden bislang vor allem seitens der Wirtschaft genutzt. Künstlerisch-emanzipatorisches Engagement hingegen wird in die Schranken klassischer ästhetischer Produktionsmodelle verwiesen. An Kunstfeld 5 wäre die Hoffnung gebunden, dass diese Modelle für einen Teil der Kulturpraxis ad acta gelegt werden können. Alexander Koch Referat zur 5. Kulturwerkstatt des Gesprächskreises KULTUR UND POLITK des Forum Ostdeutschland der Sozialdemokratie e.V., 6. September 2006, Willy-Brandt-Haus, Berlin. Thema: »Künstlerische Grenzverschiebungen? Sind die ostdeutschen Transformationserfahrungen von Kulturbetrieb und Gesellschaft Sinnbild für ein neues Verhältnis von Kunst, Institutionen und Politik?« |