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| Vorwort An den Anfang dieses Buches gehört seine Geschichte. Nicht nur deshalb, weil sie sich gut erzählen läßt und obendrein nicht ganz alltäglich ist – sondern vor allem deshalb, weil man dieses Buch ohne seine Geschichte vermutlich gar nicht richtig versteht. Außerdem ist es denkbar, daß diese Geschicht – besonders bei jungen Künstlerinnen und Künstlern – auf Interesse stoßen wird. Denn sie gibt Einblick in die Genese eines Kunstprojektes am Ende der 90er Jahre, dem in mancherlei Hinsicht exemplarischer Charakter beigemessen werden kann. Es soll Eingangs also nicht um die Theorie gehen, die sich in diesem Buch findet, sondern um die Praxis, die untrennbar zu der Theorie in diesem Buch gehört. Und es geht vielleicht um eine exemplarische Praxis. Exemplarisch wofür? Zunächst einmal für eine künstlerische Praxis im theoretischen Feld. Exemplarisch also für eine diskursive Arbeit in dem unscharfen Grenzbereich zwischen Kunst und Geisteswissenschaft, Kunstvermittlung und kultureller Praxis und Theorie. Exemplarisch also für ein Handlungsmodell und einen bestimmten Typus von (Kunst)Projekt am Ende der 90er Jahre, an dem sich eine ganze Reihe spezifischer Möglichkeiten ablesen läßt, die sich den Akteuren im Kunstfeld heute bieten. Aber auch beispielhaft für einen alternativen, individuellen Bildungsweg im freien Feld außerhalb akademischer Institutionen, der hier kurz nachgezeichnet werden soll (wem der Terminus liegt, kann auch von einem »künstlerischen Forschungsansatz« sprechen). Exemplarisch schließlich auch dafür, wie aus den artikulierten Zweifeln am eigenen Tun ein Dialog, am Ende eine öffentliche Diskussion werden kann – denn das war, kurz gesagt, schau-vogel-schau. Ein anfangs sehr privates Wechselspiel von Fragen, Thesen und Antworten, das wir im Frühjahr 1997 begannen und das am 16. und 17. Oktober 1998 in der Alten Handelsbörse Leipzig mit dem »Symposium über interkontextuelle künstlerische Kompetenz« endete. Vorläufig. Es muß nun ein bißchen kokett klingen, wenn im folgenden ein Projekt quasi historisiert wird, das erst kurze Zeit zurückliegt und das wir selber initiiert haben. Aber um diesem Buch seine Geschichte zu geben und um den Abstraktionsgrad zu senken und solch wohlklingende Ausdrücke wie »künstlerische Praxis im theoretischen Feld«, »Handlungsmodell« oder »alternativer Bildungsweg« greifbar zu machen, bietet sich dieser Weg an: Wie viele andere junge Künstlerinnen und Künstler waren auch wir Mitte der 90er irritiert von dem Gedanken, die Kunst (wie wir sie kannten) könne an ein Ende gelangt sein. Wir können nicht gerade sagen, daß es die philosophischen Argumentationen nach Hegel waren, die uns zu dieser Annahme führten und an unserer Motivation zu künstlerischer Arbeit nagten. Es war vielmehr jene Scheinautonomie (welche die Kunsthochschulen in der Praxis noch immer reproduzieren) und jene standardisierte Belanglosigkeit der künstlerischen Produktion, die uns den Eindruck vermittelten, verschuldet durch einen sinnentleerten und damit längst obsolet gewordenen Kunstbegriff in einem gesellschaftlichen Vakuum zu agieren. Aus dieser (auch selbstverschuldeten) Marginalität künstlerischen Arbeitens gedachten wir durch einen Umweg über die Theorie zu entkommen, durch ein kontextuelles Denken und eine grundlegende Kritik an den Standards und den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen der Produktion, Präsentation und Distribution von Kunst. Uns verlangte (ganz so, wie es sich für junge Künstler wohl gehört) nach einer veränderten gesellschaftlichen Relevanz von Kunst. Worin diese liegen könnte, war uns allerdings völlig unklar. Daß es eine lange Geschichte der gesellschaftspolitisch engagierten Kunstpraxis gab, war uns wohl bekannt. Daß es in Deutschland wie International eine große Anzahl von realen Anschlußmöglichkeiten in diese Richtung gab, fanden wir aber erst sehr viel später heraus. Um uns vor diesem Hintergrund über die individuellen, aber auch die generellen Perspektiven einer künftigen künstlerischen Praxis Klarheit zu verschaffen, setzten wir selber einen neu-en, tem-porären Handlungsrahmen, das Projekt schau-vogel-schau, und begannen einen »alternativen freien Bildungsweg« außerhalb der Akademie. Wir unterbrachen die künstlerische Arbeit (wie wir sie kannten) und machten unsere Zweifel an ihr zum Gegenstand eines gemeinsamen Projektes, das wir im Feld der Theorie ansiedelten und für das wir gut zwei Jahre veranschlagten. In Bibliotheken, in deutschen und amerikanischen Universitäten (und natürlich bei Walter König/Köln) begannen wir mit einer Recherche, die sich über das Stichwort der »gesellschaftlichen Relevanz« an die Modelle der sogenannten »Servicekunst« und »Kontextkunst« herantastete und an die Grenzgänge zwischen Kunst und Anderem. Alsbald konzentrierten wir uns auf die Frage, ob und auf welche Weise Künstlerinnen und Künstler vielleicht im Dialog mit verschiedenen Disziplinen der Natur- und Geisteswissenschaften künftig einen relevanten Beitrag zu gesellschaftlichen Entwicklungen würden leisten können. (Daß es dabei nicht um eine erneut – vermeintlich – Erweiterung der Grenzen der Kunst gehen konnte, war uns klar. Wir suchten nach einer bestimmten Form von Vernetzung und Austausch.) Im Sommer 1997 diskutierten wir die Ergebnisse unserer Nach-forschungen in einem umfangreichen Briefwechsel und erstellten einen Fragenkatalog, den wir anschließend in einem Kasseler Schrebergarten am Rande der Documenta X ausformulierten. Dieser Fragenkatalog war die Basis für eine Reihe von 25 Gesprächen, die wir im Herbst auf einer dreiwöchigen Deutschlandreise mit Künstlern, Kuratoren, Geistes- und Natu-wissenschaftlerInnen führten. (Menschen, die uns bis dato fast alle unbekannt gewesen waren und auf deren Namen und Adressen wir durch unsere Recherchen stießen). Die Erfahrungen, die wir während dieser mehr als 70 Stunden im Interview machten, waren – wie man sich denken kann – von großer Bedeutung für unser Projekt wie für unser Denken. Nicht nur erhielten unsere Fragen und unser Thema erst hier ihre wirkliche Form. Es ergab sich so auch die Chance, unverhofft einen Einblick in die Spezifik und die Verschiedenheit einzelner geistiger Strömungen der Gegenwart zu gewinnen, einzelner Haltungen, diskursiver Gefilde und akademischer Netzwerke und Feindschaften. Für zwei junge neugierige Künstler eine ungemein spannende und aufschlußreiche Beobachtung, die bis heute nachhallt. Allmählich war dabei klar geworden, daß die Ergebnisse un-serer Arbeit in die Realisierung eines Symposiums münden würden, zu dem wir eine bestimmte Auswahl der gesprochenen Personen einladen wollten. Erstens, um mit unseren Fragestellungen an die Öffentlichkeit zu gehen, zweitens um ein »Produktionsformat« zu testen, das uns für eine veränderte künstlerische Praxis attraktiv erschien, drittens, um die diversen Positionen, die uns innerhalb unseres Themenfeldes in erstaunlicher Widersprüchlichkeit zueinander begegnet waren, kontrovers aufeinanderstoßen zu lassen. Und schließlich viertens, um eine These zur Diskussion zu stellen, die sich in den geführten Interviews und im kontinuierlichen Gespräch zwischen uns beiden allmählich zu unseren Fragen hinzugesellt hatte. Verkürzt gesagt lautete diese These so: »Wenn Künstlerinnen und Künstler auf verschiedenen Feldern der Gesellschaft (außerhalb des Kunstfeldes) real aktiv werden, und wenn ihre Aktivitäten dabei zugleich auch im Feld der Kunst rezipierbar sind – wenn sich die Kunst also in ein Anderes faltet und ein Anderes in die Kunst: Hieße das dann nicht, daß verschiedene Felder, verschiedene Kon-texte zueinander in Beziehung treten? Und wenn man sich (statt von Grenzüberschreitungen zu sprechen) auf dieses kontextuelle Wechselspiel einließe, könnte man dann nicht von »interkontextuellen« Prozessen sprechen, die eine ganze Reihe neuer Beobachtungen und Beschreibungen möglich machen?« Die Implikationen und die Konsequenzen dieses Gedankens waren uns nur ansatzweise klar und wir verzichten darauf, sie zu erörtern. Auch darauf, wieso wir ihn mit der »künstlerischen Kom-petenz« in Verbindung brachten. (Siehe hierzu Alexander Koch: In den Falten der Kunst.) Entscheidend ist, daß damit eine neue Vokabel entstanden war, die uns geeignet schien, ein Phänomen und eine künstlerische Strategie zu bezeichnen, für deren Beschreibung uns bislang immer ein geeigneter Ausdruck gefehlt hatte. »Interkontextualität« war eine private Wortschöpfung; uns fast schon eine Antwort auf unsere Fragen und zugleich Spiegel unserer eigenen Situation. Sie brachte plötzlich einen neuen Aspekt in das Projekt und ließ das geplante Symposium ganz ne-benbei zu dem Versuch werden, einen neuen Begriff in den Kunstdiskurs einzuschleusen, um seine Tauglichkeit überprüfen zu lassen. Zu der inhaltlichen kam naturgemäß auch die organisatorische Arbeit. Weder hatten wir je ein Symposium vorbereitet, schlimmer noch: nicht einmal hatten wir bislang je als Besucher an einem Symposium teilgenommen! Wir waren also gezwungen, den Kühlschrank neu zu erfinden – was wir auch als ein persönliches Ziel unseres Projektes formulierten – und wir verwendeten viel Zeit darauf, die öffentliche Präsenz, den atmosphärischen Rahmen, das Ganze des von uns gewählten Veranstaltungsformates als ein Medium zu begreifen, das es von A bis Z zu reflektieren und vor allem zu imaginieren und formgebend zu be-handeln galt. Wir sprachen von Kontextkonstruktion, vom Herstellen eines Zusammenhangs: Vom Briefpapier über die Projektionsleinwände, von den Pressenotizen bis zum Podium, zu den Werbeanzeigen, Broschüren, Plakaten und Eintrittskarten, von der Wahl unserer Termini über die Inszenierung des Veranstaltungsortes bis hin zum Ansteckbutton mit dem schwarzen Vogel, den jeder Teilnehmer erhielt. All dies zählte für uns zu einer erweiterten künstlerischen Praxis – die uns freilich nur möglich war durch die massive Unterstützung eines Teams von Corporate Designerinnen der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig. Von dieser Hilfe abgesehen gingen wir einen der klassischen Wege künstlerischer Selbstorganisation, mit Ausnahme der Finanzierung. Jeden Handgriff erstmals erprobend und ohne all je-ne Infrastrukturen, die wir heute um keinen Preis missen möch-ten … (Alleine der Aufbau eines Informationsnetzwerkes kostete uns Monate.) Interessanter Weise reproduzierten wir am Ende, ohne es zu wissen, alle Standards des traditionellen Symposium-Formates, ja wir übererfüllten diese Standards geradezu. Daß das Symposium letztlich bei über 250 Zuhörern auf gute Resonanz stieß und überraschend weiträumig rezipiert wurde, ist neben der geführten Debatte sicherlich auch unseres »umfassenden Arbeitsansatzes« geschuldet – und natürlich der Tatsache, daß wir vom Kunstfond Bonn großzügig gefördert wurden … Ohne Frage war das »Symposium über interkontextuelle künstlerische Kompetenz« in seiner Gesamtheit als Kunstprojekt ein gelungenes Manöver – das nicht zuletzt auch davon profitierte, daß bis dato kaum eine Veranstaltung der selben Größenordnung in Leipzig eine Anbindung zum aktuellen Kunstdiskurs hergestellt hatte. Apropos aktuell: Das Symposium liegt nun zwei Jahre zurück und leider sind wir erst jetzt in der Lage, die schon damals geplante Publikation vorzulegen. Manche meinen, das sei mittlerweile überflüssig, der aktuelle Diskussionsstand sei mittlerweile ein anderer. Das mag an der Diskursfront auch richtig sein. Wir sind aber der Meinung, daß die in diesem Band versammelten Beiträge und Diskussionen nicht nur ein interessantes Licht auf die Lage der Kunst am Ende der 90er Jahre werfen (Stand Oktober ’98) – wir glauben auch, daß die versammelten Materialien in ihrer Gesamtheit von bleibendem Interesse sein können, besonders wegen der Mixtur verschiedener Blickwinkel und diskursiver Lager (die eine Spezifik des Symposiums ausmachten) und der Art und Weise, wie die einzelnen Positionen mal völlig gegensätzlich, mal in überraschendem Schulterschluß zueinander in Beziehung stehen und wie sie gemeinsam versuchen, einige jener maßgeblichen Veränderung in der Kunst zu beschreiben, die wir versuchsweise mit der »Interkontextualität« in Verbindung brachten. Dieses Buch beantwortet eine Reihe von Fragen, die immer wieder dort diskutiert werden, wo GrenzgängerInnen von der Kunst in andere Bereiche von Gesellschaft driften – und umgekehrt. Da es aber noch mehr Fragen aufwirft, als es beantwortet, dürfte es wohl auch künftige Debatten noch anregen können. Und schließlich sind wir der Überzeugung, daß schau-vogel-schau eine von jenen Geschichten ist, die zu erzählen und zu dokumentieren sich lohnt – und sei es nur deshalb, weil sie noch einmal zeigt, daß Kunst und Anderes ebenso wie Theorie und Praxis stets ineinander gefaltet sind. Dieses Buch folgt dem zeitlichen Ablauf des Symposiums. Und wie auch auf dem Symposium soll am Anfang dieses Buches darauf verzichtet werden, seinen Inhalt und seinen Themenkreis zu rekapitulieren. Dieses diskursive Feld wollen wir auch in diesem, unserem ersten gemeinsamen Buch gerne gleich zu Anfang räumen. Wie auch auf dem Symposium: Nachdem es eröffnet war, zogen wir uns, ohne dies vorher so abgesprochen zu haben, wie selbstverständlich ins Publikum zurück, mischten uns mit keiner Frage und keiner Anmerkung in die laufende Diskussion, bedienten Diaprojektoren, verschoben Mikrophone und genossen unser erstes Symposium. Einer von uns nahm anschließend die künstlerische Produktion wieder auf. Der andere nicht. Marcel Bühler / Alexander Koch |