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| Alle Filme über das Gefängnis sind falsch oder Ein Weihnachtsbaum im August |
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| Clemens von Wedemeyer, »Big Business«, Digitalvideo, mono, 30 min., 2002 |
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»Matchcut« bedeutet im Film eine spezielle Technik des vergleichenden Schnitts, wenn sich etwa in Stanley Kubricks Klassiker »2001 &8211; Odyssee im Weltall« ein in die Luft katapultierter und vor blauem Himmel drehender Knochen nach dem Schnitt in ein frei im All rotierendes Raumschiff verwandelt. Diese Schnitttechnik liegt Clemens von Wedemeyers Filmremake »Big Business« zugrunde. Nur dass hier der Schnitt durch eine Gefängnisrnauer vollzogen wird und statt zweier Bilder eine Filmallegorie des Komikerduos Stan & Ollie aus dem Jahre 1929 mit der institutionellen Realität der Justisvollzugsanstalt Waldheim in Jahre 2002 überblendet wird. Die Vorlage ist schnell erzählt: Stan und Ollie verkaufen – mitten im Sommerr – Weihnnachtsbäume. Big Business. Vor einem Einfamilienhaus parken sie ihren Wagen, durchschreiten den Vorgarten, klingeln und versuchen, dem ahnungslos Öffnenden einen Baum anzudrehen. Dieser hat für eine Weihnachtstanne freilich aktuell keinerlei Verwendung. Von ihm abgewiesen, wollen sich Stan und Olli damit aber noch nicht abfinden und klingeln ein zweites Mal. Als die Türe erneut vor ihnen zuknallt, verklemmt sich in ihr nun zu allem Überfluss auch noch die Tanne, was zu erneutem Klingeln führt, zu unvermeidlichen Missverständnissen und zunehmender Gereiztheit auf beiden Seiten. Es entzündet sich ein Streit, die Katastrophe nimmt ihren Lauf, abwechselnd werden das kleinbü,rgerliche Eigenheim (inklusive eines Pianos) und das Automobil der beiden Vertreter zum Gegenstand tätlicher Angriffe. Jede Attack der einen Partei wird mit entsprechender Gegenattacke der anderen Partei vergolten, woran auch ein plötzlich aufkreuzender Polizist nichts ändern kann, der bald interventionsunfähig inmitten völliger Zerstörung steht. Diesen Szenenverlauf kopiert Clemens von Wedemeyer hinein in die Mauern der JVA Waldheim, vielleicht, um die These zu überprüfen wonach der Knast ein Spiegel der Gesellschaft sei. Aber während Stan und Ollies Komödie ein Angriff auf die Fetische und Werte des bürgerlichen Vorkriegsamerikas war, in dem das Recht auf freien Meinungsaustausch in seiner handgreiflichen Variante bis zu letzter Konsequenz zelebriert wird, handeln die Gefangenen in Wedemeyers Remake letztlich – seltsam hölzern – nur der Logik des Gefängnisses gemäß: Auto, Eigenheim und Klavier als Ausdruck von Mobilität, Selbstbestimmung, Luxus und Kultur sind ebenso wie der konfliktstiftende Weihnachtsbaum im Sommer (der außerdem an einem Ort zum Einsatz kommt, welcher zu Weihnachten noch immer die höchsten Selbstmordraten verzeichnet) fehl am Platz. Als falsche Idylle und Repräsentanten einer Welt, deren Ausschluss für den institutionellen Raum der JVA konstitutiv ist, stellt ihre Zerstörung weder eine Kette absurder Missverständnisse (Stan & Ollie), noch revolutionäres Potenzial (Fluxus) oder gar kriminelle Energie der Häftlinge dar, sondern einen formalen Akt innerhalb der Ordnung staatlicher Souveränität. Die Vorlage zu dieser Form der quasi systemimmanenten Zerstörungskultur hat übrigens die JVA Waldheim selbst geliefert: wenige Meter vom Drehort entfernt bauen die Gefangenen Häuser. In einer Art Trainingshalle stehen diese Eigenheime;an der Größe eines halben dutzend Zellen mit Parkettboden und offenem Kamin wie die schlüsselfertigen Produkte auf einer Fertighausmesse. Entstanden im Rahmen eines Ausbildungsprogramms für eine spätere Tätigkeit als Maurer oder Dachdecker, ist ihr Abriss bereits in den Bedingungen ihrer sich sisyphoshaft wiederholenden Entstehung beschlossen. (Böse Zungen be haupten, es handle sich um die Einübung der Derridaschen Dialektik von Konstruktion und Dekonstruklion.) »Big Business« ist genau genommen eine filmische Intervention in räumliche und institutionelle Systemxusammenhänge und schließt damit an Wedemyers erste 35mm- Kurzfilmprnduktion »occupation« (2001) an, in der bereits die auf künstlerisches, respektive filmisches Handeln wirkenden Rahmenbedingungen der souveränen Macht institutionalisierter Räume reflektiert wurde (statt des Gefängnisses handelte es sich um den Kinosaal). In Wedemeyers künstlerisrher Praxis wird Film nicht nur als Medium, sondern auch als ein Handlungsmodus nutzbar gemacht, mitunter auch als ein Aktionismus, der anknüpfend an situationistische und interventionistische Kunstpraktiken der 60er und 70er sowie an kontextuelle Taktiken der 90er Jahre sein Eingebundensein in die Funktionsweisen und die Zwänge gesellschaftlicher Systeme dazu nutzt, diese selbst zur Aufführung zu bringen und als spezifisch politische Gefüge zu exponieren. Indem Wedemeyer Stan & Ollies Komödie in den staatlichen Freiheitsentzug der JVA Waldheim hineinkopiert, installiert er einen eigentümlich distanzierten Handlungsraum auf der Schwelle zwischen Gefängnisinnerem und -äußerem, der durch filmische Unschärfen in die Ferne ästhetischer Künstlichkeit geruuml;ckt ist. An diesem Nicht-Ort undim Modus der Wiederaufführung wird die Eliminierung vom Auto, Eigenheim und Vorgarten zunächst wie ein bürokratischer Automatismus vollzogen. Gegen Ende des 30-minütigen »Big Business« zeigt sich jedoch in zunehmend schärfer werdenden Bildern, in welchem Maße der Ausschluss dieser prekären Materialität einen systemathischen Angriff auf Körper darstellt. Ein Angriff, welcher mit der finalen Ermordung des Pianos zn seiner ganzen physischen Brutalität in ein Bild tritt, das uns in dem selben Maße angeht, wie wir als jenseits der Ordnung des Gefängnisses stehende Beobachter von eben dieser Ordnung ausgeschlossen bleiben: Alle Filme über das Gefängnis sind falsch. Alexander Koch |