| KV1 | KV2 | KV3 | KV4 | KV5 | KV6 | KV7 | KV8 | KV9 | KVX | ANDERE TEXTE & PROJEKTE | © | KUNST VERLASSEN – Eine Topologie |
|
||||||||||
|
|
||||||||||
| Clemens von Wedemeyer im Kölnischen Kunstverein, 04.03. – 07. 05. 2006 »Institutionalisierung« ist die Verstetigung sozialer Routinen, ohne dass deren Grund oder Ziel noch Teil unseres lebendigen Wissens bliebe und ohne, dass wir deren Vollzug nach Belieben variieren könnten. Die Räume, von denen die Filme des Berliner Künstlers und Filmemachers Clemens von Wedemeyer handeln, sind institutionalisierte Räume in diesem Sinne: Muster sozialer Anordnungen, in welche die Akteure alternativlos hineingestellt scheinen, und in denen ein begrenztes Set von möglichen Bewegungen, Ereignissen und Handlungen schon vorgezeichnet ist – potenzielle Widerstände und Abweichungen bereits eingerechnet. Was Wedemeyers Produktionen intellektuell attraktiv macht, ist die Form, in der die unterschiedlichen regulativen Muster der in den Blick gefassten gesellschaftlichen Räume je als filmische Konstruktionen so nachgestellt sind, dass sich reale Orte und Situationen, Architekturen und Personen in ihnen wie Modelle ihrer selbst verhalten. Plattenbausiedlung, Visa-Vergabestelle, Museum oder Gefängnis und die in ihnen je enthaltenen Subjekte bildet Wedemeyer nicht eigentlich ab, in dokumentarischem Gestus etwa, sondern bildet sie im Ereignisraum des Kinos nach, verschiebt sie um einige Grad in die theatrale Ordnung der Filmsprache. Indem er so die adressierten Verhältnisse fiktionalisiert, bringt er sie – und zugleich auch schon ihre mögliche kritische Repräsentation – als kontingente Konstrukte zur Aufführung. Konstrukte, die in der Verschränkung von realem institutionellen Raum und dessen cinematographischer Projektion determiniert und zugleich zufällig, unnotwendig erscheinen. Das macht Wedemeyers Filme spannend, macht sie zu Tableaux gesellschaftlicher Festschreibungen, die auch anders sein könnten. In seiner ersten größeren Personalausstellung in Deutschland zeigten Clemens von Wedemeyer und die scheidende Direktorin des Kölnischen Kunstvereins, Kathrin Rhomberg, nun eine Auswahl von Filmprojekten der letzten Jahre. Im Kinosaal des Kunstvereins war mit dem programmatischen 35mm-Kurzfilm »Occupation«, 2002, vorab das Kino als Sujet, als historischer Referenzrahmen, als ein regulativer Apparat der Produktion gesellschaftlicher Verhältnisse und als Handlungsfeld einer auf diesen Bildraum gerichteten, interventionistischen Kunstpraxis formuliert: Eine Statistenmenge wird bei Nacht auf freiem Feld von der autoritären Apparatur eines Filmteams eingepfercht, das eine Massenszene drehen will. Die Produktionsmaschinerie läuft an, alle Akteure erfüllen ihre Rollen mustergültig, allein Ziel und Sinn der ganzen Anordnung scheinen unbekannt. In absurder Redundanz zelebriert sich das Kino als eine emphatische Produktivität ohne Zweck, so als läge ihm eine geheime Immanenz zugrunde. Als Filmemacher spricht Wedemeyer aus dem Innern dieser Apparatur heraus, seine eigene Filmsprache ist selbst Spektakel, zitiert bilddramaturgische Stereotypen und führt sie dabei im Gebrauch vor. Lehre aus vielen Diskursen: Wer das Kinospektakel reflektieren will, muss Kino machen. In den Ausstellungsraum des Kunstvereins fügten Clemens und Henning von Wedemeyer (Architekt, Berlin) zwei sachlich kühle Projektionsräume so ein, dass sie in ihrer Mitte einen Zwischenraum einfassten. Mit »Otjesd«, entstanden für die Moskau Biennale 2005, war zunächst ein Projekt vertreten, das an Kathrin Rhombergs vorangegangene Ausstellungen zur Migrations-Thematik anschlissen konnte: Vor der Visa-Vergabestelle des deutschen Konsulates in Moskau warten Ausreisewillige. Um sie entwickelt sich eine auf ihre Bedürfnisse zugeschnittene Dienstleistungsökonomie. Diese Situation hat Wedemeyer mit russischen MigrantInnen in einer Berliner Stadtbrache nach- und dabei modellhaft freigestellt. Passkontrolle, Sicherheitsschleuse und Mafiaauto haben ihren Auftritt, aber die ungeschnittene, fünfzehnminütige Kamerafahrt durch die wartenden Menschen ist zum Loop verschlossen, deren Hoffnung auf Ausreise wird zur Endlosschleife. Stilistisch gemahnt der Film an Tarkovski, der »russischste« Vertreter des russischen Kinos hatte seinerseits das Land 1983 verlassen. Im zweiten Projektionsraum und in einem weiteren Loop »Silberhöhe«, u.a. 2004 in der Ausstellung »shrinking cities« zu sehen. Den Kamerablick, mit dem Antonioni 1962 in Italien den Bau der modernen Stadt gefilmt hatte (»L´eclisse«), übernimmt Wedemeyer hier und richtet ihn auf den Abriss der Hallenser Plattenbausiedlung »Silberhöhe«, zieht so eine gedankliche Linie von der Entstehung bis zum Rückbau einer heute verworfenen städtebaulichen Utopie. Wie in »Occupation« und »Otjesd« scheint auch hier der Ablauf der Ereignisse einer inneren Regel zu folgen, deren Grund und Notwendigkeit fehlen. Als architektonischer und argumentativer Schnitt zwischen diese beiden Filme gesetzt, gab deren Zwischenraum den Blick auf den städtischen Umraum der Kölner City frei und bildete mit der Monitorpräsentation von Making-Ofs, Publikationen zu Wedemeyers Filmen und der Videorecherche zum Umbau einer ostdeutschen Vorstadtsiedlung im Zentrum der Ausstellung ein Gegenbild zu den inszenierten Oberflächen der Filmprojektionen – eine reflexive Wendung, wie sie Wedemeyer oft in seine Projekte einschreibt und die Kinosprache so »gegenliest«, an den gesellschaftlichen Realraum rückbindet und in die Bedingungen ihrer Produktion rahmt. In dem gelungenen Katalog finden sich neben der Ausstellungsdokumentation und einem Künstlergespräch Texte von Beatrice von Bismarck und Ekaterina Degot. Alexander Koch |